
Seeing & Being Seen: Female Gaze
SEEING & BEING SEEN: FEMALE GAZE
In Contemporary Azerbaijani Documentary Cinema
Konzipiert von Aysel Akhundova
Samstag, 20. September, 19–21 Uhr
My Grandfather’s House, 2023 von Leylakhanim Gambarli (24′)
The Moon Without a House, 2024 von Atanur Nabiyeva (22′)
They Whisper But Sometimes Scream, 2020 von Lala Aliyeva (21′)
Alle Filme sind in aserbaidschanischer Sprache mit englischen Untertiteln.
Im Anschluss an die Vorführung findet ein Gespräch zwischen der Künstlerin und Filmemacherin Aysel Akhundova und der Journalistin Pari Abbasli statt.
Das dokumentarische Kino befindet sich in einem Moment der Transformation. Wo die Form an Vorstellungen von Realität – oder vielmehr von deren Darstellung – gebunden war, bejahen Filmschaffende derzeit das Persönliche, das Lyrische, das Spekulative. Sie nehmen an, dass Realität selbst vielschichtig sein kann, dass Wahrheit nicht durch distanziertes Beobachten entsteht, sondern durch intime Auseinandersetzung, durch das, was man die Vertrautheit der Künstlerin mit ihrem Sujet nennen könnte.
Diese Entwicklung hat auch das aserbaidschanische Kino nicht unberührt gelassen, wo eine deutlich poetische Stimme begonnen hat, die dokumentarische Landschaft neu zu gestalten. Hier nähern sich Filmemacherinnen der Realität mit einer Empathie, die Sehen in Fühlen verwandelt, Dokumentation in Reflexion. Ihre Kameras bewegen sich wie Hände, die Erinnerung nachzeichnen, und ihre Erzählungen entfalten sich wie geflüsterte Bekenntnisse.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass dieses Entstehen im Dokumentarfilm und nicht im Spielfilm geschieht. Die Form erfordert weniger Mittel, bietet aber größere Freiheit – die Freiheit, der Intuition zu folgen und der Geschichte Raum zum Atmen zu geben. In einer Landschaft, in der Frauengeschichten oftmals lange durch andere Perspektiven gefiltert wurden, wird das Dokumentarische zu einem Raum der Rückeroberung.
Wir präsentieren drei Kurzfilme, die diesen neuen Blick exemplarisch zeigen: My Grandfather’s House von Leylakhanim Gambarli, The Moon Without a House von Atanur Nabiyeva und They Whisper But Sometimes Scream von Lala Aliyeva. Jeder Film zieht uns in ein Gespräch mit dem Elementaren, mit Familie, Natur und Erde, die als Vertraute agieren, und verwischt die Grenzen zwischen Realem und Märchenhaftem.
Ihre Kameras werden zu archäologischen Instrumenten, die das Verborgene im Vertrauten ausgraben. Wir folgen ihnen in Erwartung von Entdeckungen, gespannt auf die Offenbarung neuer Welten. Stattdessen begegnen wir etwas Unheimlicherem und zugleich Kostbarerem: der Erkenntnis. In ihrer geduldigen Aufmerksamkeit für das Alltäglich-Heilige bieten diese Frauen uns Spiegel. Wir sehen uns selbst auf der Leinwand reflektiert: gesehen, bezeugt, anerkannt in unserem Suchen. Dies ist das besondere Geschenk des weiblichen Blicks im Dokumentarfilm: Er verweigert die bequeme Distanz zwischen Beobachterin und Beobachtetem. Er besteht auf Präsenz, auf der Verletzlichkeit des wahren Sehens. Am Ende verlassen wir diese Filme nicht nur informiert, sondern berührt, getragen von der stillen Gewissheit, dass wir für einen Moment ganz gegenwärtig gewesen sind.
Synopsen:
My Grandfather’s House, 2023 von Leylakhanim Gambarli (24′)
Elf Jahre nach dem Tod ihres Großvaters beginnt die Regisseurin Leylakhanim Gambarli eine emotionale Reise. Sie hatte bisher nie den Mut, sich von ihrem verstorbenen Großvater zu verabschieden. Voller wertvoller Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit reist sie von Baku nach Oglangala, ihrem Kindheitsdorf in Nakhchivan. Während sie über ihren Großvater nachdenkt und Erinnerungen an ihn weckt, tritt ihre Großmutter unterstützend an ihre Seite, wodurch eine neue, veränderte und tiefere Beziehung zwischen ihnen entsteht.
The Moon Without a House, 2024 von Atanur Nabiyeva (22′)
Die Filmemacherin kehrt in ihr Dorf am Fuß des Avey-Berges in Aserbaidschan zurück. Der Berg verschwindet, verschlungen von Steinbrüchen, und mit ihm ihre Kindheitserinnerungen. Vor Ort filmt sie die Beziehung zwischen einem jungen Mädchen und ihrer Großmutter – ihr tägliches Leben und die Zärtlichkeit, die sie verbindet. Spiegelbildlich dazu sind ihre Erinnerungen, die gemeinsam ein poetisches Erzählen weben.
They Whisper But Sometimes Scream, 2020 von Lala Aliyeva (21′)
Im Norden Aserbaidschans kommen Frauen zu einem örtlichen See, um Wasser zu holen, sprechen mit sich selbst und mit dem Wasser. Regisseurin Lala Aliyeva begibt sich auf eine intuitive Reise, in der Zeugnisse von Geisterbesessenheit und mütterlichem Kampf mit natürlichen Klanglandschaften verwoben werden. Während sie filmt, verwandelt sich der See in ein heiliges Archiv der Erinnerung, in dem erschöpfte und ängstliche Stimmen Ausdruck finden. Der Film erfasst die tiefe Verbindung zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren und erforscht, wie Landschaften Erinnerungen und Geschichte aufnehmen und bewahren.
Sprecherinnen:
Pari Abbasli ist Journalistin mit Hintergrund in Medienwissenschaften und digitaler Bildung. Sie arbeitete drei Jahre beim Sevil International Women’s Documentary Film Festival in Baku, Aserbaidschan.
Aysel Akhundova ist Produzentin und multidisziplinäre Künstlerin. Derzeit produziert sie ihren ersten Spielfilm. Aysel organisierte die ersten beiden Ausgaben eines unabhängigen internationalen Filmfestivals in ihrer Heimatstadt Baku, Aserbaidschan, und engagierte sich in feministischer Publizistik im Rahmen des Kollektivs Femiskop.